16.09.2012

Sanfter Tourismus: Tipps und Interview zum Thema „Nachhaltig reisen“


von Oli
Foto: Stefan

Wenn ich den Begriff „Nachhaltiges Reisen“ höre, verbinde ich damit sofort Ökotourismus. Mit Wanderungen durch die Natur und Übernachtungen im Baumhaus. Nur gucken, nicht anfassen! Stiller Beobachter sein und lernen. Sein Wissen über Land und Leute aneignen und anderen weitergeben - somit vielleicht auch mit dem einen oder anderen Vorurteil aufräumen.

Alles auf Masse? Oli und Doris geben Hinweise für den nachhaltigen Tourismus.


Das mag alles interessant sein, doch hört es sich nicht in allen Bereichen des Reisens  außergewöhnlich spaßig an und spiegelt die Wirklichkeit auch nicht ganz wider. Was also bedeutet es, nachhaltig zu reisen? In diesem Artikel gehe ich der Sache auf den Grund und gebe euch hilfreiche Tipps dazu, wie ihr rücksichtsvoller unterwegs sein könnt. Außerdem kommt noch Doris von littlemissitchyfeet in einem Interview zu Wort. Nachhaltig Reisen ist für Doris ebenfalls ein wichtiges Thema.

Nachhaltigkeit sollte für uns mittlerweile selbstverständlich sein. Wir denken an die Zukunft, an das, was wir unseren Nachkommen hinterlassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir daheim oder auf Reisen sind. Unterwegs haben wir immer noch selbst die Entscheidungsfreiheit, wie sehr wir Umwelt und Menschen beeinflussen. Rücksichtsvoll zu reisen bedeutet für mich, einen besuchten Ort nicht zu verfremden, um damit seine Schönheit, Einzigartigkeit und Attraktivität für nachfolgende Reisende zu erhalten.
Sicherlich erleben nur diejenigen die ortstypischen Verhaltensweisen und Kulturen intensiver, die auch darin bestrebt sind, diese zu erhalten. Allein mit dieser Wertschätzung an sich machen sie einen weiteren Schritt auf die bereiste Region und deren Einheimische zu. Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Überall, wo wir nicht zuhause sind, sind wir Gast.

Im Jahr 2007 habe ich mit meinem Freund Max zusammen Italien unsicher gemacht. In der Nähe von Dolcedo haben wir in der Hütte eines Olivenbauern übernachtet, mitten in Olivenhängen und norditalienischer Berglandschaft. Trotz gebrochenem italienisch sind wir dadurch mit den Einheimischen intensiv ins Gespräch gekommen.

Nicht vergessen: Es hilft oft, gewisse Dinge zu hinterfragen

Nachhaltig zu reisen bedeutet nicht unbedingt, einen Häkelkurs mit Einheimischen zu besuchen. Vielmehr bedeutet es intensiven Erfahrungsaustausch sowie Auseinandersetzen mit Menschen und Umwelt vor Ort. Lokale Ressourcen und Gegebenheiten nutzen. Einen kleinen Teil zur wirtschaftlichen und sozialen Weiterentwicklung leisten. Außerdem hilft es, seine Fortbewegungsmittel zu hinterfragen. Sicherlich ist eine Mitfahrgelegenheit nicht für die längsten Strecken empfehlenswert, jedoch leisten sich viele einen Flug für Verbindungen, für die sie auch entspannt den Zug hätten nehmen können. Darmstadt statt Dubai sollte zwar kein Gesetz sein, doch es hilft schon mehr Europa statt Asien.

Es sind die grundlegenden Dinge, die auf längere Sicht die Welt verändern. Wie seinen Müll nicht liegen zu lassen. Klingt zwar logisch, ist jedoch noch lange keine Selbstverständlichkeit für die meisten Touristen. Denn wer sich schon daheim nicht daran hält, wird es auch in der Ferne nicht lernen. Auch bei der Wahl der Unterkunft lässt sich meistens eine umweltfreundlichere Alternative finden. Natürlich möchte ich nicht jedem zumuten, monatelang Couchsurfing zu betreiben. Wie in vielen Bereichen des Lebens sollte aber einiges ausprobiert und das passende Maß für sich gefunden werden. Dabei können faire Organisationen wie zum Beispiel fairunterwegs so manche offene Frage beantworten.

Auch mein Schreibkollege Stefan fand schon ein kleines Klettermekkadirektvor der Haustür. Mit seinen Freunden setzte er sich nicht ins Flugzeug, um Berge in anderen Ländern zu erklimmen, sondern stellte sich Herausforderungen in Deutschland. Wie zum Beispiel beim Klettern im Steinbruch in Löbejün. 

Super Oli, von jetzt an möchte ich nur noch nachhaltig reisen. Aber wie?

Gut, dass ihr fragt! Hier ein paar Hinweise, die euch weiterhelfen:

Reise nicht in Eile, verweile! Ihr reist während eurer Freizeit, also macht euch keinen unnötigen Stress. Lasst die Umgebung auf euch wirken und nehmt euch ruhig die Zeit, die Fremde näher kennen zu lernen.

Geben und Nehmen. Gebt den Einheimischen etwas zurück, zumindest Aufmerksamkeit und Respekt. Noch nie hat kultureller Austausch einen Nachteil hervorgebracht.

Von lokalen Speisen und Getränken ernähren. Ich weiß, für viele ist das schwer. Sie können auch nicht in Ägypten auf ihr deutsches Bier verzichten. Dieses muss aber erst aufwendig importiert werden, was ich unsinnig finde. Gibt es in Bayern tollen deutschen Käse? Gut, dann muss nicht unbedingt Französischer gekauft werden! Wenn schon Urlaub gemacht wird, dann dürfen ruhig auch kulinarische Experimente gemacht werden. Das freut nicht nur den Gaumen, sondern auch Geldbeutel und Umwelt.

Die Vorteile des jeweiligen Ortes nutzen. Besucht ihr eine Stadt, die sich zu Fuß gut erkunden lässt? Dann verzichtet auf Taxi & Co.! Die schönsten Stellen sind meistens unscheinbare kleine Ecken, die im Vorbeifahren sicherlich untergegangen wären.

Umweltverträglichere Aktivitäten. Ein Beispiel: Auf Sizilien gibt es einen riesigen Wassererlebnispark. Der Rest der Insel spart dafür am Trinkwasser. Macht das Sinn? Schließlich wird allerorts genügend italienischer Wein angeboten, der verkostet werden will!

Auf Inseln gilt sowieso: Süßwasserverbrauch reduzieren. Auch wenn in einem Fünf-Sterne-Hotel genächtigt wird, muss nicht den ganzen Tag lang die Dusche laufen.

Nun folgt ein kurzes Interview mit Doris von www.littlemissitchyfeet.com. Sie ist Expertin auf dem GebietNachhaltigkeit und Reisen“ und zeigt euch anhand ihrer Erlebnisse, welche Erfahrungen sie mit rücksichtsvollem Unterwegssein gemacht hat.


Gab es einen bestimmten Beweggrund oder ein Ereignis, dass dich dazu gebracht hat, so nachhaltig wie möglich zu reisen?

Ein Ereignis oder DEN einen Moment, an dem ich mich entschieden habe, so nachhaltig wie möglich zu reisen, den gibt es nicht. Ich lebe - mit einer kleinen Unterbrechung von 2 - 3 Jahren - seit meinem 12. Lebensjahr vegetarisch, ich bin mit Bio-Kost aus dem eigenen Garten aufgewachsen, meine Tante ist aus Umweltgründen ausschließlich mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Rad gefahren,... diese Einflüsse gerade für Nachhaltigkeit im ökologischen Bereich sind natürlich groß. Ich lebe so gut es geht mit dem Ziel, meine Klimabilanz zu verbessern und ein guter Mensch zu sein, so pathetisch das klingt. Und beim Reisen ist das nicht anders.

Es gibt viele Möglichkeiten rücksichtsvoll zu reisen. Inwiefern setzt du den Nachhaltigkeitsgedanken unterwegs um?

Wie gesagt, das Denken begleitet mich immer, ist in mir drinnen, und ich versuche es immer weiter zu entwickeln. Aber ich mache auch sehr viele Fehler und manchmal ist es nicht möglich, z.B. klimaschonend unterwegs zu sein. Ein Beispiel: Ich war gerade in Porto und habe etwas außerhalb der Stadt bei einer Freundin geschlafen. Ich dachte, kein Problem, fährst du eben öffentlich mit den Bussen nach Porto. Die gabs aber gerade am Wochenende in den Morgenstunden leider nicht - und ich hatte Zeitdruck, war ja bei einer Konferenz, also musste ich ein Taxi nehmen. Solche Dinge tun mir sehr weh.

Ich denke, solange wir reisen, nein, solange wir leben, können wir uns immer nur annähern, lernen und uns bemühen, so gut, so nachhaltig, so bewusst zu agieren wie möglich. Doch natürlich gibt es einige Tipps: Wenig fliegen, länger an Orten bleiben (ich war sieben Monate in Südamerika und bin nur mit den Bussen gereist; ich habe auf Hawaii drei Monate lang gelebt); mit fairen Organisationen/ Touranbietern und ähnlichen in Kontakt zu treten (siehe http://www.littlemissitchyfeet.com/in-irlands-einzigem-okodorf-gekommen-um-zu-bleiben/), bei Einheimischen schlafen oder wenn Hotel, dann nicht 24/7 Klimaanlage aufdrehen oder täglich Handtücher wechseln lassen, sich vegetarisch und lokal ernähren, .... siehe auch in Kürze auf meinem Blog.

Welche positiven Erfahrungen hast du mit diesen Maßnahmen bereits gemacht?

Abgesehen von der Tatsache, dass man gerade bei längeren Aufenthalten, beim intensiveren Kontakt mit Einheimischen und beim Teilen von Ressourcen großartigen Menschen begegnet, macht es auch mehr Spaß. Mir zumindest. Schnell, einfach, oberflächlich - davon hat niemand etwas. Langsamer, kreativer, intensiver - wie es beim nachhaltigen Reisen der Fall ist, das bringt auf längere Sicht gesehen sowohl dem Reisenden als auch dem Einheimischen etwas.
 
Nicht jeder geht auf Reisen respektvoll mit Natur und Einheimischen um. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Ach, ich denke es wird immer mehr. Ich habe gerade in den letzten Wochen so viele Diskussionen und Gespräche zum nachhaltigeren Unterwegssein geführt, wie kaum zuvor. Aber es ist natürlich schwieriger und manchmal auch nicht so bequem zum Beispiel öffentlich mit Zug oder den Öffentlichen unterwegs zu sein oder auf einer Couch zu schlafen, wie Reisen ins Hotel mit Mietauto für Zwei. Ich glaube einfach, dass wir uns in vielen Bereichen gar nicht bewusst sind und dass wir noch viel zu lernen haben.
 
Wie können wir mehr Menschen den Nachhaltigkeitsgedanken nahe bringen und rücksichtsvolles Reisen attraktiver machen?

Immer wieder heißt es: Reist nicht, dann verbraucht ihr die Energie erst gar nicht, dann beutet ihr erst gar nicht aus. Ich glaube, das kann nicht die Lösung sein - dafür ist es zu spät, die Zeit lässt sich so nicht mehr zurückdrehen. Ich glaube auch nicht, dass das der Ansatz ist. Ich glaube auch, dass Jammern und negative Geschichten zu erzählen zwar wichtig ist, weil es aufrüttelt. Aber ich denke, entscheidender ist, positive Beispiele zu bringen: Von Ökodörfern, die man besuchen kann, von Schutzzentren, von Menschen, die - auch auf Reisen - etwas tun wie Kirsten, die vegan durch die USA reist oder wie Rowin und Marvin, die zu Fuß für GLOBAL2000 um die Welt ziehen . Sich von diesen Leuten inspirieren lassen und dann selbst seinen eigenen Weg anhand der eigenen Möglichkeiten gehen, das ist meiner Meinung nach wichtig.

Wir danken Doris für das tolle Interview!

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