Text: Stefan
Fotos: Alex Meier, Sören Kinker, Stefan
Das Salz kratzt auf der Haut, als ich meinen schweren Rucksack aufstemme. Während ich auf den Meereshorizont blicke, lasse ich mir nochmal die letzten zwei Wochen unseres Backpackertrips durch den Kopf gehen. Wir erlebten ein kleines Abenteuer und stellten uns selbst auf die Probe. Reisen nach der alten Schule. Die einzige Planung, die wir im Vorfeld gemacht haben, war die Flug- und Fährentickets zu bestellen. Den Rest ließen wir auf uns zukommen. Glück, Verzweiflung, Geselligkeit und Einsamkeit - unsere Persönlichkeiten wurden herausgefordert. Ebenso wie unsere Freundschaft. Es war einer der besten Sommertrips, die wir zusammen unternommen haben.
Fotos: Alex Meier, Sören Kinker, Stefan
Das Salz kratzt auf der Haut, als ich meinen schweren Rucksack aufstemme. Während ich auf den Meereshorizont blicke, lasse ich mir nochmal die letzten zwei Wochen unseres Backpackertrips durch den Kopf gehen. Wir erlebten ein kleines Abenteuer und stellten uns selbst auf die Probe. Reisen nach der alten Schule. Die einzige Planung, die wir im Vorfeld gemacht haben, war die Flug- und Fährentickets zu bestellen. Den Rest ließen wir auf uns zukommen. Glück, Verzweiflung, Geselligkeit und Einsamkeit - unsere Persönlichkeiten wurden herausgefordert. Ebenso wie unsere Freundschaft. Es war einer der besten Sommertrips, die wir zusammen unternommen haben.
Ursprünglich wollten wir nach Korsika
fliegen, um den GR-20 herauszufordern. Erst kürzlich habe ich darüber berichtet. Da wir aber in den letzten Monaten allesamt hart
gearbeitet haben und unsere Gehirne eher Wackelpudding glichen,
wollten wir nicht nur einen Outdoortrip durchziehen, sondern unsere
Köpfe frei bekommen. Was bietet sich da besser an, als ein anderes
Land zu besuchen und sich von den Menschen und der Natur auf neue
Gedanken bringen zu lassen?
Unser Flieger startete in Berlin und
setzte uns in der Nähe des nordöstlich gelegenen Städtchens Bastia
ab. Der letzte Bus in die Stadt fuhr direkt vor unseren Nasen weg.
Der Taxifahrer erwartete uns bereits freudig, nachdem er die Szenerie
beobachtete. Als ich fragte, wie viel die Fahrt nach Bastia kosten
solle, sagte er: „soixante-cinque Euro“. Ach ja, wir sind ja in
Frankreich. Bekanntlich weigern sich die Franzosen eine andere
Sprache zu sprechen. Auch dann, wenn sie beispielsweise dem
Englischen mächtig sind. Wir versuchten zu verhandeln, aber das
einzige, was er uns sagte war: „No Marrakesch! No Marrakesch here!“
Sehen wir wir Marokkaner aus? Wie sieht überhaupt ein junger,
marokkanischer Backpacker aus? Wir winkten ab und entschlossen uns zu
trampen. Es vergingen lediglich ein paar Minuten bis ein junger
Franzose mit seinem kleinen Renault anhielt und uns mitnahm. Auch er
konnte nur spärlich englisch sprechen, aber als er nach Musik für
die Fahrt fragte, wurde die Kommunikationsbarriere eingerissen. Musik
verbindet einfach alle Nationen. Ohne Worte.
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| Abendbrot kochen am Strand von Ajaccio |
Bonjour Bastia
In Bastia wollten wir die Nacht am
Strand schlafen, um am nächsten Morgen rechtzeitig unseren Zug zum
GR-20 zu erwischen. Außerdem wollten wir kein Hotel bezahlen. Aus
dem Strand wurde nichts. Die Uferpromenade der Stadt besteht nur aus
Hafen. Nun mussten wir ein Hotel bezahlen. Wir erkundigten uns in mit
vier Sternen ausgezeichneten Hotels nach billigen Hostels. Stellt
euch mal die Gesichter der Hoteliers/Rezeptionisten vor. Uns wurde
mitgeteilt, dass man uns nicht weiterhelfen könne. Da es schon ca.
22:30 Uhr war, handelten wir mit einem Hotelier ein
Dreipersonenzimmer für vier Personen aus (100 Euro für das Zimmer
im Hotel „La Riviera“). Guter Start für die Geldbörse.
Am Fährhafen warteten wir auf einen
Freund, der von Berlin nach Nizza flog und mit der Fähre weiter nach
Bastia fuhr. Eine Buchungsproblematik der Luftfahrtgesellschaft sei
Dank für diese Umstände.
Als die Fähre in den Hafen einfuhr und
die Passagiere den Metallkoloss verließen, fragte ich mich, was es
zu napoleonischer Zeit für ein Gefühl war, am Hafen auf einen
Freund zu warten. Immerhin war das Schiff die einzige Verbindung
zwischen Festland und Insel. Familien, Freunde und Geschäftsleute
beobachteten mit prüfenden Blicken die Ankömmlinge. Freudensprünge,
Umarmungen und Tränen prägten das gesellschaftliche
Zusammentreffen. Wir ließen den Korken knallen und begossen uns mit
Sekt aus dem Duty-Free-Shop.
Mit der Bergbahn zum GR-20
Der nächste Tag bestand aus der
Anfahrt zum GR-20. Bevor ihr den Bahnhof von Bastia aufsucht, solltet
ihr unbedingt noch in einer Bank Geld abheben, denn dies wird eure
letzte Möglichkeit vor Calvi sein. Wir hätten es tun sollen, denn
später machten uns Geldprobleme regelrecht fertig.
Die übersichtlichen Fahrpläne der
Bahn gibt es auch im Internet zu sehen. Auf Korsika fahren lediglich
drei oder vier Zuglinien. Eine alte klapprige Bergbahn aus den 70er
Jahren sollte uns kurz vor Calvi absetzen. Durch vergilbte Fenster
blickend erhielten wir einen ersten Eindruck der Landschaft Korsikas.
Die Mixtur aus Meeresblick auf der einen und Gebirgsmassiv auf der
anderen Seite brachte sogar die größte Nervensäge im Zug zum
Schweigen. Die Passagiere im Zug bestanden aus Korsen und vielen
Wanderern aus anderen Ländern, die offensichtlich das gleiche
Vorhaben wie wir geplant hatten. Zwei Stuttgarter klärten uns über
die erste harte Etappe des GR-20 auf. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt
noch keine Vorstellung von der Schwierigkeit des Weges.
Der Zug schmiss uns an einer kleinen
Station an der nördlichen Küste heraus. 40°C und das Meer liegt
genau vor uns? Scheiß für heute auf den GR-20, wir werden im Meer
planschen! Wie lachende Kinder haben wir uns von den hohen Wellen
erschlagen lassen. Dabei erlebten wir unser erstes Freiheitsgefühl.
Das salzige Wasser gab uns nicht nur eine Erfrischung, sondern wusch
gleichzeitig alle Sorgen von uns ab. Eigenartig, wie wir auf einmal
von Vitalität und Glück überhäuft wurden. Während die Surfer die
Segel in den Wind setzten, ließen wir uns von der Sonne und der
Meeresbrise trocknen.
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| Passender Ohrwurm, den ich in dieser Situation hatte: Phillipp Poisel - Im Garten von Gettis |
Calenzana – Frankreich trifft auf Italien
Per Anhalter kamen wir nach Calenzana.
Nur so als Tipp von mir: Es ist unglaublich, wie offen die Korsen
gegenüber Tramping sind. Zurück zum Thema. Calenzana ist der
offizielle Startpunkt des GR-20. Ab dieser Ortschaft reicht der
härteste Bergwanderweg vom Norden zum Süden Korsikas über eine
Strecke von ca. 180 km. Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter auf
diesen Trail eingehen, da ich kürzlich bereits einen Bericht darüber veröffentlicht habe. Ich möchte euch lieber ein paar Worte zu
Calenzana berichten.
Ein kleines Städtchen, gelegen am Fuße
eines Bergmassives. Unschuldig und ruhig blickt der 2000 Seelenort
auf die Meeresküste herunter. Ich habe mich ein wenig in Calenzana
verliebt. Die Mischung aus toskanischer Architektur und
französischer Lebensliebe erweckt ein Gefühl der Zugehörigkeit.
Die Boulangeries in den engen Gassen, die kleinen und einfachen
Restaurants und die alten Gemäuer der eng anliegenden Häuser im
Zentrum wecken den Wunsch nach einer Sommerwohnung in dieser
Ortschaft. Irgendwo in einer kleinen Seitengasse mit alten
Fensterläden und knarrenden Dielen. Die Häuser wurden vermutlich im
Mittelalter aufgebaut und dem Zeitgeist überlassen. Neubauten sind
nicht zu finden. Ein inspirierender Ort. Sollte ich irgendwann mal
ein Buch schreiben oder eine Auszeit benötigen, würde ich Calenzana
nochmals aufsuchen. Aber hey...wann schreibe ich mal etwas
Ernsthaftes wie ein Buch?
Auf dem örtlichen Campingplatz
versammelten sich alle Wanderer, die den GR-20 meistern wollten. Mit
Einigen haben wir uns unterhalten. Komischerweise haben wir viele
Wanderer nie wieder getroffen. Jeder war gespannt auf die Tour am
nächsten Tag.
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| "Lass uns durch die Gassen schlendern" |
Zeitsprung: Zurück in die Zivilisation
Geschwächt und ein wenig ausgehungert
haben wir die Hälfte des GR-20 gemeistert. Wir haben uns von Beginn
an geeinigt, dass wir aus Zeitgründen die nördliche Hälfte laufen
werden. Diese gilt als der anspruchsvollste Teil der gesamten
Strecke. Vom Bahnhof von Tattone aus fährt unser Zug Richtung
Ajaccio, der Hauptstadt Korsikas.
Im Zug sitzend, schwiegen wir uns nur
gegenseitig an und genossen die vorbeiziehende Landschaft. Auf die
Berge hinaufschauend konnte ich mir kaum vorstellen, dass wir uns die
letzten elf Tage in dieser einsamen Landschaft aufhielten. Aber es
waren doch noch andere Wanderer auf dem Weg? Stimmt. Dennoch bewegte
man sich in Einsamkeit. Gemeinschaftliche Einsamkeit. Nun sitzen wir
im Zug Richtung Stadtleben.
In Ajaccio pulsieren die Straßen.
Autolärm, Abgase, drückende Hitze und Menschenmengen werden uns
einem regelrechten Kulturschock unterziehen.
Als ich im Zug saß wusste ich das
alles noch nicht. Dementsprechend schockiert und sprachlos waren wir,
als wir mit unseren großen Rucksäcken die Touristeninformation
aufsuchten, um eine Karte der Stadt zu erhalten. Stadt- und
Landkarten sind für mich immer wichtig, um einen Überblick über
die Situation zu erhalten. Aber sie hindern einen daran, sich in der
Stadt zu verlieren. Das Entdecken kann eigentlich auch ganz spannend
sein.
Die nächsten vier Tage wurde der
Campingplatz „Barbicaja“ unser Heim. Dieser liegt zwar
etwas außerhalb der Stadt, bietet aber eine gute Anbindung mit den
Bussen und ist zudem kostengünstig. Die öffentlichen Verkehrsmittel
sind wirklich bezahlbar. Eine Busfahrt kostet einen schlappen Euro.
Außerdem liegt der Platz direkt am Plage.
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| Unterwegs auf dem GR-20 |
Endlich wieder etwas richtiges Essen
Trotz des Kulturschocks freuten wir uns
riesig auf die Stadt. Wir mussten nämlich die letzten Tage mehr oder
weniger an Hunger leiden, da unser Geld auf der Wanderung knapp wurde
und es keine weitere Möglichkeit gab, mit Plastik zu zahlen. Jeder
hatte sich auf ein ganz besonderes Gericht in einem Restaurant .
Einen leckeren Salat, ein Steak, Muscheln und als Dessert Crème
brûlée. Ich bin immer wieder erstaunt, welche Lebensmittel man sich
wünscht, wenn einen der Hunger plagt und keine Möglichkeit besteht,
sich in einem Supermarkt um die Ecke einzudecken. Und dennoch
erfreute ich mich in höchstem Maße an den drei Löffelschlägen
CousCous, die ich am Abend nach der erfolgreichen Bergtour auf der
Hütte genießen konnte.
Dazu fällt mir folgendes Zitat aus
Robinson Crueso ein:
„Aus dem allen ging ganz klar hervor, daß kein Zustand auf der Welt so elend ist, um darin nicht auch etwas Gutes erkennen zu können.“1Vielleicht ein wenig übertrieben dieses Zitat, wenn man über das Elend der Welt nachdenkt. Aber es ist auch dieser Stelle passend.
Begleitet werden sollte dieses Festmahl
mit Wein. Literweise. Der Wein auf Korsika ist übrigens angenehm
trocken und ein wenig fruchtig. Meist ein einfacher Landwein.
Hemingway fand dafür die besseren Worte:
„Zu Hause, über dem Sägewerk, hatten wir einen billigen korsischen Wein, der es sehr in sich hatte. Diesen typisch korsischen Wein konntest du halb und halb mit Wasser verdünnen, und er tat immer noch seine Wirkung."2
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| Werbung mit Charme...könnte man meinen |
Der verdiente Urlaub – Gammeln am Strand
In der Hitze am Meeresstrand liegend,
suchte ich nach einer Beschreibung für Urlaub. Ist dieses „gammeln
am Strand“ gerade Urlaub? Was waren dann die letzten Tage in den
Bergen? Urlaub kann anscheinend nur jeder für sich
definieren. Den Kopf freibekommen. Sorgen und Arbeit einfach mal
vergessen. Wenn ich am Strand liege, bin ich nicht im Urlaub.
Abschalten beim Nichtstun? Fast unmöglich. Einzig die überaus
attraktiven Französinnen, die vereinzelt während der Siesta am
Strand liegen, lenken mich von meinen Gedankengängen ab. Warum
liegen sie hier alleine herum? Warten sie darauf, dass jemand sie auf
einen überteuerten Cocktail einlädt? Einige von ihnen machen
jedenfalls den Eindruck. Oder warten sie nur darauf, bis die Arbeit
wieder anfängt? Vielleicht sollte ich hingehen und fragen:
„Entschuldigen Sie bitte, was erwarten Sie jetzt von mir? Was soll
ich machen?“ Aber ich kann kaum französisch sprechen. Von
daher...weitergammeln.
An einem Abend beschlossen wir, unser
Abendbrot am Strand zuzubereiten. Wir packten Lebensmittel, Kocher
und Wein (literweise) in unsere Strandbeutel und kochten leckere
Nudeln mit Pesto, frischen Tomaten und Mozzarella. Wir genossen das
Abendbrot bei der untergehenden Sonne. In diesem Moment wurde uns
klar, wie erlebnisreich, aufregend und besonders dieser Trip war. Wir
mussten zeitweise hungern und haben es uns später in Restaurants gut
gehen lassen. Wir mussten uns mit Parasiten eine Unterkunft teilen,
nutzten aber auch ein Hotel als Schlafmöglichkeit. Wir haben
tagelang Berge erklommen und lagen faul am Strand herum. Zusammen mit
Freunden werden diese Erlebnisse zu besonderen Momenten.
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| Sonnenuntergang zwischen korsischen Bergen |
Korsika ist einfach gestrickt. Die
Mentalität ist typisch für Südländer. Hier und da haben sie mich
an rotzfreche Urberliner (wie Oli) erinnert. Aber das störte uns
weniger. Letzten Endes waren alle sehr hilfsbereit. Gerade als wir
mit unseren großen Rucksäcken durch die Straßen von Ajaccio
geschlendert sind, ernteten wir ein lächelndes Kopfnicken. Reisen
ist eben für jeden etwas Besonderes.
...und was ich noch gelernt habe: Wenn
die Zigaretten-Blättchen alle sind, dienen Kassenbelege ideal als
Ersatz.
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| Rückfahrt: auf der Fähre nach Nizza |
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| Wasserquellen am Wegesrand mit frischem Quellwasser |
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| Ein großes Bahnhofsgebäude (für korsische Verhältnisse) |
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| Während Alex und Jenny im Krankhaus waren, passten Piet und ich wachsam auf die Rucksäcke auf |
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| Nette Nachbarschaft in Calenzana |
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| Strand in Sicht |
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| Jenny liebt Piets Rucksack |
Backpacking auf Korsika auf einer größeren Karte anzeigen
1: Zitat aus "Robinson Crusoe" von Daniel Defoe - 1955 Der Kinderbuchverlag Berlin 2.Auflage
2: Zitat aus "Paris, ein Fest fürs Leben: A Moveable Feast. Die Urfassung















Toller Bericht ... da Vorfreude macht, dieses Stück Erde auch mal zu bereisen.
AntwortenLöschenHallo Dani,
Löschenvielen Dank! Ich hoffe, dass dir der Bericht dazu weiterhelfen wird. Wenn nicht, frag einfach nochmal nach ;)
Gruß,
Stefan
Echt geile Fotos!! Besonders das am Zugfenster is voll schön.
AntwortenLöschenSteeefan