31.08.2012

Vive la Corse! Backpacking durch Korsika - auf der Suche nach Inspiration, Natur und Lebensfreude

Text: Stefan
Fotos: Alex Meier, Sören Kinker, Stefan

Das Salz kratzt auf der Haut, als ich meinen schweren Rucksack aufstemme. Während ich auf den Meereshorizont blicke, lasse ich mir nochmal die letzten zwei Wochen unseres Backpackertrips durch den Kopf gehen. Wir erlebten ein kleines Abenteuer und stellten uns selbst auf die Probe. Reisen nach der alten Schule. Die einzige Planung, die wir im Vorfeld gemacht haben, war die Flug- und Fährentickets zu bestellen. Den Rest ließen wir auf uns zukommen. Glück, Verzweiflung, Geselligkeit und Einsamkeit - unsere Persönlichkeiten wurden herausgefordert. Ebenso wie unsere Freundschaft. Es war einer der besten Sommertrips, die wir zusammen unternommen haben.
Ursprünglich wollten wir nach Korsika fliegen, um den GR-20 herauszufordern. Erst kürzlich habe ich darüber berichtet. Da wir aber in den letzten Monaten allesamt hart gearbeitet haben und unsere Gehirne eher Wackelpudding glichen, wollten wir nicht nur einen Outdoortrip durchziehen, sondern unsere Köpfe frei bekommen. Was bietet sich da besser an, als ein anderes Land zu besuchen und sich von den Menschen und der Natur auf neue Gedanken bringen zu lassen?

Abendbrot kochen am Strand von Ajaccio
Unser Flieger startete in Berlin und setzte uns in der Nähe des nordöstlich gelegenen Städtchens Bastia ab. Der letzte Bus in die Stadt fuhr direkt vor unseren Nasen weg. Der Taxifahrer erwartete uns bereits freudig, nachdem er die Szenerie beobachtete. Als ich fragte, wie viel die Fahrt nach Bastia kosten solle, sagte er: „soixante-cinque Euro“. Ach ja, wir sind ja in Frankreich. Bekanntlich weigern sich die Franzosen eine andere Sprache zu sprechen. Auch dann, wenn sie beispielsweise dem Englischen mächtig sind. Wir versuchten zu verhandeln, aber das einzige, was er uns sagte war: „No Marrakesch! No Marrakesch here!“ Sehen wir wir Marokkaner aus? Wie sieht überhaupt ein junger, marokkanischer Backpacker aus? Wir winkten ab und entschlossen uns zu trampen. Es vergingen lediglich ein paar Minuten bis ein junger Franzose mit seinem kleinen Renault anhielt und uns mitnahm. Auch er konnte nur spärlich englisch sprechen, aber als er nach Musik für die Fahrt fragte, wurde die Kommunikationsbarriere eingerissen. Musik verbindet einfach alle Nationen. Ohne Worte.
Am Bahnhof von Bastia warten wir auf den Zug Richtung GR-20

Bonjour Bastia


In Bastia wollten wir die Nacht am Strand schlafen, um am nächsten Morgen rechtzeitig unseren Zug zum GR-20 zu erwischen. Außerdem wollten wir kein Hotel bezahlen. Aus dem Strand wurde nichts. Die Uferpromenade der Stadt besteht nur aus Hafen. Nun mussten wir ein Hotel bezahlen. Wir erkundigten uns in mit vier Sternen ausgezeichneten Hotels nach billigen Hostels. Stellt euch mal die Gesichter der Hoteliers/Rezeptionisten vor. Uns wurde mitgeteilt, dass man uns nicht weiterhelfen könne. Da es schon ca. 22:30 Uhr war, handelten wir mit einem Hotelier ein Dreipersonenzimmer für vier Personen aus (100 Euro für das Zimmer im Hotel „La Riviera“). Guter Start für die Geldbörse.
Am Fährhafen warteten wir auf einen Freund, der von Berlin nach Nizza flog und mit der Fähre weiter nach Bastia fuhr. Eine Buchungsproblematik der Luftfahrtgesellschaft sei Dank für diese Umstände.
Als die Fähre in den Hafen einfuhr und die Passagiere den Metallkoloss verließen, fragte ich mich, was es zu napoleonischer Zeit für ein Gefühl war, am Hafen auf einen Freund zu warten. Immerhin war das Schiff die einzige Verbindung zwischen Festland und Insel. Familien, Freunde und Geschäftsleute beobachteten mit prüfenden Blicken die Ankömmlinge. Freudensprünge, Umarmungen und Tränen prägten das gesellschaftliche Zusammentreffen. Wir ließen den Korken knallen und begossen uns mit Sekt aus dem Duty-Free-Shop.
In der selben Nacht zogen wir noch um die Häuser und gesellten uns in eine Hafenbar, die von den jungen Korsen zahlreich besucht wurde. Die korsischen Damen lösten mit ihrer figurbetonten Kleidung einen regelrechten Kampf um die Damenwelt bei den Herrschaften aus. Es gab ständig Schlägereien und Anmotzereien zwischen den Männern. Sei‘s drum. Nicht unser Bier, dachten wir uns, und tranken unser korsisches Pietra-Bier aus.

Mit der Bergbahn zum GR-20


Der nächste Tag bestand aus der Anfahrt zum GR-20. Bevor ihr den Bahnhof von Bastia aufsucht, solltet ihr unbedingt noch in einer Bank Geld abheben, denn dies wird eure letzte Möglichkeit vor Calvi sein. Wir hätten es tun sollen, denn später machten uns Geldprobleme regelrecht fertig.
Die übersichtlichen Fahrpläne der Bahn gibt es auch im Internet zu sehen. Auf Korsika fahren lediglich drei oder vier Zuglinien. Eine alte klapprige Bergbahn aus den 70er Jahren sollte uns kurz vor Calvi absetzen. Durch vergilbte Fenster blickend erhielten wir einen ersten Eindruck der Landschaft Korsikas. Die Mixtur aus Meeresblick auf der einen und Gebirgsmassiv auf der anderen Seite brachte sogar die größte Nervensäge im Zug zum Schweigen. Die Passagiere im Zug bestanden aus Korsen und vielen Wanderern aus anderen Ländern, die offensichtlich das gleiche Vorhaben wie wir geplant hatten. Zwei Stuttgarter klärten uns über die erste harte Etappe des GR-20 auf. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine Vorstellung von der Schwierigkeit des Weges.
Der Zug schmiss uns an einer kleinen Station an der nördlichen Küste heraus. 40°C und das Meer liegt genau vor uns? Scheiß für heute auf den GR-20, wir werden im Meer planschen! Wie lachende Kinder haben wir uns von den hohen Wellen erschlagen lassen. Dabei erlebten wir unser erstes Freiheitsgefühl. Das salzige Wasser gab uns nicht nur eine Erfrischung, sondern wusch gleichzeitig alle Sorgen von uns ab. Eigenartig, wie wir auf einmal von Vitalität und Glück überhäuft wurden. Während die Surfer die Segel in den Wind setzten, ließen wir uns von der Sonne und der Meeresbrise trocknen.

Passender Ohrwurm, den ich in dieser Situation hatte: Phillipp Poisel - Im Garten von Gettis

Calenzana – Frankreich trifft auf Italien


Per Anhalter kamen wir nach Calenzana. Nur so als Tipp von mir: Es ist unglaublich, wie offen die Korsen gegenüber Tramping sind. Zurück zum Thema. Calenzana ist der offizielle Startpunkt des GR-20. Ab dieser Ortschaft reicht der härteste Bergwanderweg vom Norden zum Süden Korsikas über eine Strecke von ca. 180 km. Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter auf diesen Trail eingehen, da ich kürzlich bereits einen Bericht darüber veröffentlicht habe. Ich möchte euch lieber ein paar Worte zu Calenzana berichten.
Ein kleines Städtchen, gelegen am Fuße eines Bergmassives. Unschuldig und ruhig blickt der 2000 Seelenort auf die Meeresküste herunter. Ich habe mich ein wenig in Calenzana verliebt. Die Mischung aus toskanischer Architektur und französischer Lebensliebe erweckt ein Gefühl der Zugehörigkeit. Die Boulangeries in den engen Gassen, die kleinen und einfachen Restaurants und die alten Gemäuer der eng anliegenden Häuser im Zentrum wecken den Wunsch nach einer Sommerwohnung in dieser Ortschaft. Irgendwo in einer kleinen Seitengasse mit alten Fensterläden und knarrenden Dielen. Die Häuser wurden vermutlich im Mittelalter aufgebaut und dem Zeitgeist überlassen. Neubauten sind nicht zu finden. Ein inspirierender Ort. Sollte ich irgendwann mal ein Buch schreiben oder eine Auszeit benötigen, würde ich Calenzana nochmals aufsuchen. Aber hey...wann schreibe ich mal etwas Ernsthaftes wie ein Buch?
Auf dem örtlichen Campingplatz versammelten sich alle Wanderer, die den GR-20 meistern wollten. Mit Einigen haben wir uns unterhalten. Komischerweise haben wir viele Wanderer nie wieder getroffen. Jeder war gespannt auf die Tour am nächsten Tag.

"Lass uns durch die Gassen schlendern"

Zeitsprung: Zurück in die Zivilisation


Geschwächt und ein wenig ausgehungert haben wir die Hälfte des GR-20 gemeistert. Wir haben uns von Beginn an geeinigt, dass wir aus Zeitgründen die nördliche Hälfte laufen werden. Diese gilt als der anspruchsvollste Teil der gesamten Strecke. Vom Bahnhof von Tattone aus fährt unser Zug Richtung Ajaccio, der Hauptstadt Korsikas.
Im Zug sitzend, schwiegen wir uns nur gegenseitig an und genossen die vorbeiziehende Landschaft. Auf die Berge hinaufschauend konnte ich mir kaum vorstellen, dass wir uns die letzten elf Tage in dieser einsamen Landschaft aufhielten. Aber es waren doch noch andere Wanderer auf dem Weg? Stimmt. Dennoch bewegte man sich in Einsamkeit. Gemeinschaftliche Einsamkeit. Nun sitzen wir im Zug Richtung Stadtleben.
In Ajaccio pulsieren die Straßen. Autolärm, Abgase, drückende Hitze und Menschenmengen werden uns einem regelrechten Kulturschock unterziehen.
Als ich im Zug saß wusste ich das alles noch nicht. Dementsprechend schockiert und sprachlos waren wir, als wir mit unseren großen Rucksäcken die Touristeninformation aufsuchten, um eine Karte der Stadt zu erhalten. Stadt- und Landkarten sind für mich immer wichtig, um einen Überblick über die Situation zu erhalten. Aber sie hindern einen daran, sich in der Stadt zu verlieren. Das Entdecken kann eigentlich auch ganz spannend sein.
Die nächsten vier Tage wurde der Campingplatz „Barbicaja“ unser Heim. Dieser liegt zwar etwas außerhalb der Stadt, bietet aber eine gute Anbindung mit den Bussen und ist zudem kostengünstig. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind wirklich bezahlbar. Eine Busfahrt kostet einen schlappen Euro. Außerdem liegt der Platz direkt am Plage.

Unterwegs auf dem GR-20

 Endlich wieder etwas richtiges Essen


Trotz des Kulturschocks freuten wir uns riesig auf die Stadt. Wir mussten nämlich die letzten Tage mehr oder weniger an Hunger leiden, da unser Geld auf der Wanderung knapp wurde und es keine weitere Möglichkeit gab, mit Plastik zu zahlen. Jeder hatte sich auf ein ganz besonderes Gericht in einem Restaurant . Einen leckeren Salat, ein Steak, Muscheln und als Dessert Crème brûlée. Ich bin immer wieder erstaunt, welche Lebensmittel man sich wünscht, wenn einen der Hunger plagt und keine Möglichkeit besteht, sich in einem Supermarkt um die Ecke einzudecken. Und dennoch erfreute ich mich in höchstem Maße an den drei Löffelschlägen CousCous, die ich am Abend nach der erfolgreichen Bergtour auf der Hütte genießen konnte.
Dazu fällt mir folgendes Zitat aus Robinson Crueso ein:
„Aus dem allen ging ganz klar hervor, daß kein Zustand auf der Welt so elend ist, um darin nicht auch etwas Gutes erkennen zu können.“1 
Vielleicht ein wenig übertrieben dieses Zitat, wenn man über das Elend der Welt nachdenkt. Aber es ist auch dieser Stelle passend.
Begleitet werden sollte dieses Festmahl mit Wein. Literweise. Der Wein auf Korsika ist übrigens angenehm trocken und ein wenig fruchtig. Meist ein einfacher Landwein. Hemingway fand dafür die besseren Worte:
„Zu Hause, über dem Sägewerk, hatten wir einen billigen korsischen Wein, der es sehr in sich hatte. Diesen typisch korsischen Wein konntest du halb und halb mit Wasser verdünnen, und er tat immer noch seine Wirkung."2

Werbung mit Charme...könnte man meinen

Der verdiente Urlaub – Gammeln am Strand


In der Hitze am Meeresstrand liegend, suchte ich nach einer Beschreibung für Urlaub. Ist dieses „gammeln am Strand“ gerade Urlaub? Was waren dann die letzten Tage in den Bergen? Urlaub kann anscheinend nur jeder für sich definieren. Den Kopf freibekommen. Sorgen und Arbeit einfach mal vergessen. Wenn ich am Strand liege, bin ich nicht im Urlaub. Abschalten beim Nichtstun? Fast unmöglich. Einzig die überaus attraktiven Französinnen, die vereinzelt während der Siesta am Strand liegen, lenken mich von meinen Gedankengängen ab. Warum liegen sie hier alleine herum? Warten sie darauf, dass jemand sie auf einen überteuerten Cocktail einlädt? Einige von ihnen machen jedenfalls den Eindruck. Oder warten sie nur darauf, bis die Arbeit wieder anfängt? Vielleicht sollte ich hingehen und fragen: „Entschuldigen Sie bitte, was erwarten Sie jetzt von mir? Was soll ich machen?“ Aber ich kann kaum französisch sprechen. Von daher...weitergammeln.

Sonnenuntergang zwischen korsischen Bergen
An einem Abend beschlossen wir, unser Abendbrot am Strand zuzubereiten. Wir packten Lebensmittel, Kocher und Wein (literweise) in unsere Strandbeutel und kochten leckere Nudeln mit Pesto, frischen Tomaten und Mozzarella. Wir genossen das Abendbrot bei der untergehenden Sonne. In diesem Moment wurde uns klar, wie erlebnisreich, aufregend und besonders dieser Trip war. Wir mussten zeitweise hungern und haben es uns später in Restaurants gut gehen lassen. Wir mussten uns mit Parasiten eine Unterkunft teilen, nutzten aber auch ein Hotel als Schlafmöglichkeit. Wir haben tagelang Berge erklommen und lagen faul am Strand herum. Zusammen mit Freunden werden diese Erlebnisse zu besonderen Momenten.
Korsika ist einfach gestrickt. Die Mentalität ist typisch für Südländer. Hier und da haben sie mich an rotzfreche Urberliner (wie Oli) erinnert. Aber das störte uns weniger. Letzten Endes waren alle sehr hilfsbereit. Gerade als wir mit unseren großen Rucksäcken durch die Straßen von Ajaccio geschlendert sind, ernteten wir ein lächelndes Kopfnicken. Reisen ist eben für jeden etwas Besonderes.

...und was ich noch gelernt habe: Wenn die Zigaretten-Blättchen alle sind, dienen Kassenbelege ideal als Ersatz.

Rückfahrt: auf der Fähre nach Nizza
Wasserquellen am Wegesrand mit frischem Quellwasser

Ein großes Bahnhofsgebäude (für korsische Verhältnisse)

Während Alex und Jenny im Krankhaus waren, passten Piet und ich wachsam auf die Rucksäcke auf

Nette Nachbarschaft in Calenzana
Strand in Sicht

Jenny liebt Piets Rucksack



Backpacking auf Korsika auf einer größeren Karte anzeigen

1: Zitat aus "Robinson Crusoe" von Daniel Defoe - 1955 Der Kinderbuchverlag Berlin 2.Auflage 

2: Zitat aus "Paris, ein Fest fürs Leben: A Moveable Feast. Die Urfassung" von Ernest Hemingway - Rowohlt Verlag GmbH 5.Auflage April 2012  Seite 92 

Kommentare:

  1. Toller Bericht ... da Vorfreude macht, dieses Stück Erde auch mal zu bereisen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Dani,
      vielen Dank! Ich hoffe, dass dir der Bericht dazu weiterhelfen wird. Wenn nicht, frag einfach nochmal nach ;)

      Gruß,
      Stefan

      Löschen
  2. Echt geile Fotos!! Besonders das am Zugfenster is voll schön.
    Steeefan

    AntwortenLöschen
  3. Hey,
    Super Blog!! Da bekommt man noch mehr lust auf Urlaub ;)
    Ich will mit Freunden im Sommer 2 Wochen lang nach Korsika...
    Hast du noch Tipps wie man mit wenig Geld über die Runden kommt (besonders günstige Anreise) und ist der GR20 auch für weniger extrembergsteiger was?

    AntwortenLöschen