07.05.2011

Das Zahnspangenzeitalter

Versetzen wir uns alle mal zurück in die Neandertalerzeit: Höhlen, Mammuts und ein kurzes Leben. Die ersten Neandertaler lebten im Pleistozän, sprich vor ca. 160.000 Jahren und hatten eine Lebenserwartung von gerade mal 40 Jahren. Was hatten diese „Menschen“ alle gemeinsam? Richtig, sie waren strohdoof. Und was noch? Sie hatten alle Karies und eine verfaulte Fresse.

Die Freude eines jeden Kindes: Die Zahnspange.

Springen wir diese 160.000 Jahre nach vorn: Vereinzelt finden wir noch heute Neandertaler vor, meist haben diese eine Glatze und Springerstiefel an oder stehen im feinen Zwirn hinter dem Rednerpult im Bundestag. Klammern wir diese Gattung Lebewesen einfach mal aus und beziehen uns auf uns, uns Normalos. Mit dem Eintreten in das Grundschulalter besonnen wir uns alle eines gepflegten Äußeren, zumeist meist. Zu einem solch wohl anzusehenden Erscheinungsbild gehört neben Kleidung auch ein Gesicht, was dem Betrachter nicht die Banane aus dem Mund fetzt, sobald es angeschaut wird. Auch wenn sich mit dem Bestehen der fünften Klasse die ersten Pickelchen auf des Opfers Babyhaut verbreiten und den Grundschüler wie ein Streuselkuchen aussehen lassen, kommen zu allem Übel noch die schiefen Zähne, die dem Turm in Pisa Konkurrenz machten, dazu. Ein Weg zum Kieferorthopäden ist unumgänglich, wenn diese Noch-Neandertaler-Ähnlich-Ausschauenden nicht als ausgewachsener Mensch als Anschauungsobjekt im örtlichen Zoo arbeiten wollen.

Fast alle kennen dieses Verfahren. Man sitzt als Jungspund im Warteraum des Orthopäden, hört im Hintergrund ein leises Bohrgeräusch, ein kurzes Kreischen und dann erst einmal Stille. Dann der Aufruf: „Herr/Frau Sowieso bitte!“.

Meist mit Mutti im Schlepptau setzt man sich auf den Stuhl. „Eine Zahnspange bei solch einer Gusche ist zwingend notwendig“, so der Facharzt. Das Erste, was einem auf dem Stuhl angetan wird, ist eine eklige, nach verfaultem Kaugummi schmeckende, flubberähnliche Substanz in einer Unter- und Oberkiefernahen Form an all seinen Zähnen gedrückt zu bekommen. Das Gefühl ist weniger befriedigend. Erstes Problem: Die Form, in der sich die ekelhafte Substanz befindet, ist so groß, dass einem quasi der Kehlkopf gekitzelt wird, man kaum Luft bekommt und Schwierigkeiten hat, seinen Brechreiz zu unterdrücken (Für Frauen ist dieses Procedere wegen der Gewohnheit vielleicht nicht so schlimm.). Hat man es geschafft, nicht zu kotzen, folgt Problem Nummer zwei: Die komische Substanz wird hart und backt an den Zähnen an, um nach dem Entnehmen eine unveränderliche Fresseform des Patienten zu haben. Manchmal wird dieser Kleber allerdings so hart, dass die Form nur mit leichten Schlägen entfernt werden kann. Jeder kann sich vorstellen, wie es ist, wenn man mit der Flasche zum Trinken ansetzt und man einen Schlag auf den Flaschenboden bekommt…

Ist der Dreck entformt, darf man sich die Reste aus der Zahnlücke puhlen und seinen Würgereiz erst einmal wieder in den Griff bekommen. Das Kuriose ist, dass sich alle Kiddies in diesem Alter auf eine Zahnspange freuen. WARUM? Warum freut man sich über seine schiefen Zähne und auf so einen Scheiß? Ich hatte selbst eine Spange und ich habe gejubelt, als ich sie in den Händen hielt. Vollkommen FAIL.

Zwei Wochen später, nachdem sich die jungen Patienten eine Farbe für die Spange, die Rentner nennen sie gerne Klammer, in Neongelb mit einem Schalke 04 Logo ausgesucht hatten, besuchten sie erneut den Kieferorthopäden (frz.: Chirurge du Frèsse). Endlich hielten sie das Objekt ihrer Begierde in den eigenen Händen und nahmen es kurzerhand in den Mund. Spätestens jetzt freuten sie sich nicht mehr, ein solches Drahtmodell zwischen Gaumen und Lippen spüren zu dürfen. Das Highlight kommt aber jetzt: Der Fressefacharzt fragte, ob man nicht eine Zahnspangendose haben möchte. Da schlägt man doch gerne zu. Eine lilafarbene Dose mit einem gelben Band zierte ab dato den Hals und Bauch des frisch gebackenen Zahnspangenkindes. Vollkommen FAIL. So zeigten die Kinder nicht nur durch ihr Lachen, dass sie mundbehindert sind, sondern noch durch eine tothässliche Dose in Form eines Maulwurfsarges. FAIL.

Spätestens nach zwanzig Stunden fingen die Jugendlichen an, ihre Klammer nicht mehr regelmäßig zu tragen. Das einzige Problem war dabei, dass jede Woche mit so einem kleinen Rädchen die Stärke des Zahn-Nach-Vorn-Drückens an der Spange verändert werden musste. Nach drei Monaten, die Zeit, nach der der nächste Termin beim Chirurge du Frèsse anstand, drehten die Kinder zwanzig Mal am Rad und hofften, dass keiner was merkte. Die Nacht vor dem Tag des erneuten Besuches nahmen sie die Klammer in den Mund. Jeder kann sich die Schmerzen vorstellen. Seit achtzig Tagen die Spange nicht getragen, auf Stärke „ultra“ gestellt und dann eingelegt. Aua. Jedenfalls sagte der Arzt immer „gut getragen“. Vollkommen FAIL.

Dann gibt es noch die andere Variante: Die feste Zahnspange. Der absolute Horror eines jeden Kindes. In der Schule gehänselt und auf den Fotos immer den Mund geschlossen. Es ist nicht schön, mit einem Draht auf den Zähnen durch die Städte zu laufen und darauf zu warten, dass es besser wird. Nichtsdestotrotz eine Erfahrung, die im Gegensatz zu den Neandertalern ein Großteil der 21.Jahrhundert-Kiddies durchmachen müssen. Viel Erfolg euch dabei. Die Zeit geht vorbei. Langsam *muahahaha*.

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Kommentare:

  1. Vereinzelt finden wir noch heute Neandertaler vor, meist haben diese eine Glatze und Springerstiefel an... -> sehr geil :)

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  2. Zahnspangen sind ecklig ich habe sie fast nie getragen. meistend war sie in der Spangenbox und jetzt muss ich einen Zahn ziehen.

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