08.06.2015

Glück mit Kondensmilch


von Oli.

Ein kleines Dorfcafé am hinterletzten Ende von Tra Cu. An der Hafenstraße die überdachten Hängematten, dahinter das kleine Haus aus Stein. Im Garten warten die Hähne. In der Küche warten die Shrimps. Ein spritziger Tod im Wok.
Während sich der Gastgeber für die Gesellschaft seiner fünf Freunde und meiner Wenigkeit bedankt, wird das Abendessen von den Frauen des Hauses angerichtet. Wir Männer sitzen im Kreis auf dem Boden, eine Zweiliterflasche mit sechzigprozentigem Reisschnaps macht die Runde. Er schmeckt nach eindeutig mehr Alkohol.
Ich komme kaum zum Essen, dauernd wird ein besonders langer vietnamesischer Trinkspruch fällig. Wir teilen uns die kleine Trinkschale, nach jedem Einschenken wird der Respekt vor dem Gegenüber ausgedrückt und dann wandert der Schnaps in den Rachen. Ob ich viel Alkohol vertrage, fragt der Gastgeber. Er hätte noch eine weitere Flasche herumzustehen.

Eine neue Runde wird gegeben. Seit drei Stunden spielen sie nun schon Karten und vertreiben sich so die Zeit. Auf dem einzigen Tisch des Hauses sitzend wird diskutiert, geflucht und gejubelt. Ich stehe daneben und trinke bereits die vierte Kokosnuss leer. Wenn ich Glück habe, findet heute noch ein Hahnenkampf statt. Das Nokia 3310 des Gastgebers klingelt ununterbrochen. Er würde liebend gern einen Kampf organisieren, denn sein momentaner Lieblingshahn hat die richtige Größe erreicht und ist in Topform. Er zeigt ihn mir mit einem strahlenden Lächeln.
Gefiederter Stolz.
Nun versucht er einen gegnerischen Hahn zu finden, doch dieser muss auch in der gleichen Gewichtsklasse sein, damit der Kampf fair ist. Der Hahnenkampf liegt den Vietnamesen im Blut. In ländlichen Regionen besitzt jeder Mann mindestens einen Kampfhahn. Sie werden tagsüber auf die Terrasse zur Straße gestellt, in einem Leichtmetallgerüst ähnlich einer Käseglocke. Dass jegliches Glücksspiel in Vietnam verboten ist, interessiert die Leute herzlich wenig. Die hiesige Polizei übrigens auch nicht. Gegen ein entsprechendes Entgelt, wie ich erfahre.




Heute soll noch eine Menge gewettet werden. Viel geraucht werden. Unmengen Kaffee mit Kondensmilch getrunken werden.
Glück mit Kondensmilch und Eiswürfeln.
Nach einem Tag voller Sonne bin ich völlig kaputt. Sechs Stunden Fahrt auf einem ausrangierten Motoroller, immer dicht an das Hinterteil meines Guides Phat gepresst. Durch Reisfelder, über unzählige Brücken und an Kokosnussplantagen vorbei. Unerbittliche Sonne und tropische Luftfeuchtigkeit machen mir zu schaffen. Phat wird heute Nacht in einer der Hängematten des Cafés schlafen, denn die Moskitos tun ihm nichts, sagt er. Sie hätten sich an ihn gewöhnt und gemerkt, dass sein Blut nicht schmeckt. Und trotzdem möchte ich gern unter meinem Moskitonetz schlafen, als ein Moskitoweibchen in der Größe eines kleinen Vogels an mir vorbeifliegt. Eine Minute später wird es von einer noch größeren Spinne gefangen und gefressen.

Die Cafégäste sind ausschließlich Männer. Zum Pinkeln stellen sie sich hinters Haus und lassen laufen. Mitten in den Garten.
Jeder Einzelne hat seiner Frau gesagt, er hätte wichtige Geschäfte zu erledigen. Nun sitzen sie hier beim Glücksspiel. Ich frage mich, welche Geschichten die Frauen ihren Männern im Gegenzug erzählen, sollten sie einmal außer Haus sein.





Mittlerweile ist es stockduster, heute wird es leider keinen Kampf mehr geben. Der Gastgeber hat den ganzen Tag erfolglos telefoniert. Dafür sitzen jetzt sechs Männer auf einem Tisch, Rauchfahnen steigen aus ihren Mündern und ihren Händen neben dem Schneidersitz. Am Fuß des Tisches liegen meine sieben Sachen und eine Strohmatte, auf der ich heute Nacht schlafen werde. Für die lokalen Verhältnisse ist es bereits voll geworden.  Alle Gäste stehen um den Tisch herum und beobachten das Spektakel.
Vor jeder Runde werden die Karten komplett neu gemischt, die zerknüllten Gesichter Ho Chi Minhs wechseln ihren Besitzer. Die Geldscheine verschwinden unter dem dünnen auf dem Tisch liegenden Teppich.
Phat sollte heute besser nicht spielen. Erst kürzlich hat er sechzig Euro beim Spiel verloren und momentan sieht es wieder nicht nach Glückssträhne aus. Trotzdem gibt er weiter Karten, legt weiter Geld in die Mitte. Neuer Kaffee, neue Zigarette. Irgendwann bin ich auch im Rausch. Ich frage Phat, wie es für ihn läuft. Ein ernster Blick ist die Antwort. Die Spieler schwanken je nach Kartenglück zwischen vollendeter Stille und tosendem Jubel.
Zu viel Reisschnaps, Kaffee und Zigarettenrauch. Zu viel Sonne über den Tag, zu viel frisches gutes Street Food. Plötzlich merke ich, wie müde ich bin. Ich widme mich der Strohmatte unter dem Moskitonetz. Im Hintergrund höre ich nur noch vereinzelt die Männer murmeln, sie analysieren das Spiel und besprechen die Gewinne und Verluste des Abends. Die Karten ruhen.








Der Hahn ist mein Wecker. Der verfluchte ganze Stolz des Gastgebers reißt mich um halb fünf aus dem Schlaf.
Ich sehe zu Phat hinüber. Er rollt aus seiner Hängematte, lächelt mir zerknittert zu – völlig verkatert vom Reisschnaps. Und komplett von Moskitos zerstochen.

Ich nehme mir eine grüne Kokosnuss und öffne sie mit einem Buschmesser. Sie schmeckt am besten am frühen Morgen, denn immer dann liegt eine Stimmung in der Luft, die ich mir nicht erklären kann. Die ich nicht greifen kann. Ruhe und Geschäftigkeit zugleich. Ich spüre sie im gesamten Süden Vietnams.
Reis, Dschungel, Schwüle und das pulsierende Leben in den Adern des Mekongs.


Vietnam ist der dritte Stopp auf meiner #Asienabenteuer Reise. Zuvor habe ich in der Mongolei das Sandmeer des Dschingis Khan erkundet und mich danach in einem von Koreas Badehäusern auf die Suche nach dem unverfälschten Korea gemacht. Vor meiner Reise ins Mekongdelta war in den wilden Bergen Vietnams mit einer Schwarzen H'mông und einem Wasserbüffel unterwegs.

18.01.2015

Das schöne Antlitz des Verfalls



von Oli.

Der Mann nickt, als er mein Ticket sieht. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und trete durch den steinernen Torbogen. Vor mir öffnet sich eine Welt aus grün. Der Dschungel schluckt alle Geräusche, die hinter seinem Blättermeer ausharren: Tuk Tuks, Touristen, Straßenverkäufer. Kühe, Affen, Vögel und Moskitos. Nur das Knirschen meiner eigenen Schritte auf dem sandigen Untergrund nimmt mir mein ohnmächtiges Gefühl und macht mir bewusst, dass ich nicht taub bin.
Der Tempel Ta Prohm ist kein Gebäude mehr, nur noch eine Gruppierung von Steinen, die durch Wurzeln gestützt werden. Zu allen Seiten wird das Gebilde von dichtem Geäst umzingelt. Das Dach der Bäume hält seine Finger vor meine Augen, um mich vor der Sonne zu schützen, und hindert meine Gedanken daran, sich im kambodschanischen Himmel zu verlieren.
Dann greift etwas nach meinem Fuß.

31.12.2014

Vom Schreiben schreiben





von Oli.

Ich will nur schreiben. Darin frei sein und tun was ich will.
Nicht einfach tun was auch immer man möchte, sondern tun was man wirklich will.

Ich schreibe in mein Notizheft, auf Quittungen, auf Brotpapier, auf Zettel, auf meine Haut.
Ich schreibe selten Gutes am Laptop. Ich schreibe wenig, wenn ich viel schreiben will und schreibe viel, wenn ich gerade nicht die geringste Zeit dafür habe.
Ich schreibe, weil ich muss – nicht, weil ich kann. Ich bin kein Schriftsteller, kein Journalist. Ich schreibe nur Worte in dieses Internet rein.
Katharsis.
Ich schreibe, weil es mir hilft, mich zu erinnern. Reisegeschichten, weil ich beim Schreiben noch einmal zurückreisen kann, durch Zeit und Raum, durch Gespräche, Gefühle, Gerüche und Gedanken. Mittlerweile schreibe ich auch für dich, für euch, für uns, weil ab und zu auch jemand anderes etwas mit meinen Geschichten anfangen kann.

Die folgenden sieben Artikel sind nicht von mir verfasst worden. Sieben verschiedene Verfasser haben dieses Jahr Worte miteinander verbunden, die mich zum Lachen gebracht haben. Die mir Angst gemacht haben. Oder die mir Zweifel genommen und Mut gemacht haben.
Keine Angst, das wird jetzt kein Seelenstriptease.
Die Verbindung von Schreibkunst und Erlebnissen ist in diesen Geschichten ein Glanzstück.

28.12.2014

Ich motorrolle, also bin ich. 25 asiatische Weisheiten





von Oli.

Frisch aus Asien zurück.
Zum ersten Mal habe ich diesen exotischen und geheimnisvollen Kontinent betreten und viele Dinge gelernt, unzählige Meter zurückgelegt und noch mehr hat sich meine Sicht auf die Welt geändert oder manifestiert. Das möchte ich niederschreiben, um es mit euch zu teilen. Each one teach one.
Es folgen meine Erkenntnisse. Manches ist neu für mich, manches ist alt wie die Welt. 
Habt ihr auch Weisheiten, die ihr teilen möchtet? Immer her damit!

22.12.2014

Bunte Seele, graues Gewand: Belgrads Street Art




von Oli.

Belgrad ist Liebe auf den zweiten Blick.
Die Stadt drängt sich nicht auf. Doch wenn du dir Zeit nimmst und dich mit einem Kaffee in den Sonnenschein setzt, dann erzählt sie dir gern ihre Geschichte und weiht dich in ihre Geheimnisse ein.
"Never judge a book by its cover", lautet ein englisches Sprichwort. Diese Worte passen perfekt zu Belgrads Altbauten, denn sie sind prächtig und erhaben. Zugleich sind sie grau und alt und heruntergekommen. Nun liegt es im Auge des Betrachters, ob sich der Zauber dieser Stadt für ihn eröffnet.

28.11.2014

Die Schwarze H'mông, der Wasserbüffel und ich



von Oli.

Zu spät.
Dicke graugelbe Rauchschwaden umgeben mich wie ein zu enger Mantel und pressen mir die Luft aus dem Brustkorb. Mein Magen verkrampft sich. Ich gehe geduckt, doch das Tuch vor meinem Gesicht hilft nicht gegen meinen Hustenanfall und die brennenden Augen. Weder vor noch hinter mir ist etwas zu erkennen, was auch nur entfernt einem Ausweg ähnelt. Ich nehme meine letzten Atemluftreserven zusammen, für Worte, die hoffentlich nicht meine letzten sein werden.
„Cho Cho! Sterben wir jetzt in der Feuersbrunst? Soll das wirklich das Ende sein?“
Eine kleine Frau mit einer noch kleineren Hand erscheint vor mir, tief in ihre Tracht gewickelt. Sie macht zwei schnelle Schritte, packt mich am Arm und zieht mich weiter bis wir dem Rauch entkommen und wieder Luft schnappen können.
„Nein, heute sterben wir nicht. Es gibt Wasserbüffel zum Abendessen und ich hab das ganze Fleisch schon bezahlt.“

27.10.2014

Mondsüchtig: Weiße Nächte in Riga



von Oli.

Der Mond steht bereits schneeweiß in seinem samtblauen Bett, als ich das kleine Nachbarschaftsfest im Kalnciema Viertel verlasse. Es ist fast Mittsommernacht. Die Folkbands spielen ihre letzten Songs, die letzten Hirschfleischsandwiches und Honigwaffeln wechseln die Besitzer und das letzte Fass Craft Beer wird angestochen.

Ich nehme nicht den Bus zurück, denn ich habe Zeit. Mein Weg führt mich über die lange Vanšu-Brücke, die mir einen Spaziergang über den Fluss bis hinüber zur Altstadt ermöglicht. Die Düna ist unruhig zu dieser späten Stunde und die weiße Laterne am Firmament gießt ihr Licht in die Wellen des Flusses. Ich möchte mich abwenden und in den schmalen Gassen verschwinden, doch das glitzernde Wasser zieht mich magisch an. Ein Tauziehen gegen tausend Matrosen. Ich bleibe am Flussufer.