03.05.2013

Ganz Berlin feiert - MayDay und seine Gesichter

Es sind die schönsten zwei Tage im Jahr, die Berlin zu bieten hat. Wenn April und Mai sich treffen, kurz die Flosse reichen und den Dancefloor rocken, bevor sich ihre Wege wieder trennen, dann ist MyFest. Die Berliner läuten nicht nur den Frühling ein, sondern auch den Beginn der sommerlichen Straßenkultur. Alle sind heiß darauf mit Sonnenbrille, leichter Kleidung und Bierchen in der Hand durch die Parkanlagen, an der Spree oder den Kiezstraßen zu schlendern. Die Berliner feiern dies auf ihre Weise, wie sie es schon immer getan haben und konnten: sie verwandeln die Stadt zu einer einzig großen Party - und die hat es in sich. Dieses Jahr war es, meiner Meinung nach, das mit Abstand beste Maifest seit langem.
Traditionell beginnt die Party in Kreuzberg entlang der Skalitzer Straße, dem Oranienkiez und Mariannenplatz. Hier trifft sich die ganze Welt und ich konnte endlich meine neue Kamera austesten. Blöd nur, dass die Straßen teilweise so überfüllt waren, dass es äußerst schwierig war, passende Motive zu finden. Also habe ich aus der Situation das Beste gemacht und Fotos von vorbeilaufenden Menschen gemacht. Die kleine Fotoserie zeigt die Vielfalt des MyFests. Von ganz jung bis ganz alt; von unglaublich sexy bis abgefahren skurril; von durstig bis hungrig - alle sind vertreten. Was mir daran besonders gefällt sind die Fotos, auf denen die Menschen just in diesem Augenblick registrieren, dass von ihnen ein Foto gemacht wird, während ich auf den Auslöser gedrückt habe. Wie viele dieser Gesichter zählt ihr?


18.04.2013

Für immer Tirol

von Oli

Ich nehme einen tiefen Atemzug. Die Luft ist so kühl und frisch, dass sie in der Lunge sticht. Der Pulverschnee, der sich bei der letzten Abfahrt in meinem Gesicht verfangen hatte, ist jetzt gefroren und beißt in meine Wangen. Ich nehme die Schneebrille ab und muss blinzeln, weil mich die in Watte gebettete Landschaft blendet. Und während mein Blick über die schneebedeckten Hänge schweift, frage ich mich, wieso es mich aufs Neue hierher verschlagen hat. Wieso eigentlich immer Tirol?

Mit fünf Jahren war ich mit meinen Großeltern zum ersten Mal im Skiurlaub. Gut, ich habe mehr Zeit mit dem Hintern im Schnee als auf Brettern verbracht. Obwohl ich das Gedächtnis einer Eintagsfliege habe, kann ich mich noch gut an unsere Unterkunft am Fuß des Hintertuxer Gletschers erinnern. Von dort unten gesehen, war er für mich der größte Berg der Welt. Nach all den Jahren hat der Gletscher seinen Zauber nicht verloren, und für mich ist er immer noch genauso groß wie damals. Seitdem habe ich ihn oft besucht.

02.04.2013

Eine Ode an die Autobahn - Das Konstrukt Roadtrip

Von Stefan.

Wilde Bilder glänzen durch die grauen Wolken, wenn ich vom Leben auf der Straße erzähle. Endlose Autofahrten, die mit therapeutischen Unterredungen dekoriert werden. Abstecher von der Autobahn, den skurrilen Ortsnamen nachforschend. Nachts übermüdet auf einen Acker parken und mit verrenkten Gliedmaßen eine bequeme Schlafposition suchen. Partys im Auto feiern, ausgelassener als so manche Homeparty. Milde Sommernächte  nutzen, wozu sie erfunden wurden und Richtung Meer fahren. Klampfe in der Hand und Feuer am Strand. Begleitend dazu rebellische Songs und Literatur unserer großen kulturellen Freiheitskämpfer. Nach Tagen einen Ekel vor sich selbst haben, weil Schlafmangel, Alkohol und Drogen dich zu einem Ebenbild eines Obdachlosen vollendet haben. Vielleicht die einzige Gemeinsamkeit, wenn die zwei Perspektiven der Bezeichnung „Leben auf der Straße“ in den Raum geworfen werden.
Alles schon erlebt. Alles durchgezogen. Alles geliebt. Der Roadtrip als Sinnbild der Freiheit und Unabhängigkeit aller Generationen.

Was man nicht alles sieht, wenn man auf einem Roadtrip ist

24.03.2013

Marzipanjagd im multireligiösen Toledo

Auf einem Streifzug durch die kleinen verträumten Gassen Toledos
von Oli

Da ist es, das Toledo nach dem ich suchte. Vom Bahnhof aus geht es stetig gen Himmel, bis ich über eine alte sandfarbene Steinbrücke den Eingang zum Altstadtkern erreiche. Und wieder meterbreite Stufen, kopfsteingepflasterte Treppen, Aufstieg. Oberflächlich betrachtet, scheint sich an den festungsartigen Mauern seit Jahrhunderten nichts geändert zu haben. Zwei Kurven später erblicke ich die ersten Läden mit Mazapán de Toledo, Marzipan aus Toledo, die sich schon seit Jahrzehnten in den alten Häusern halten. Sie stehen dicht an dicht und es scheint ganz so, als würden sie sich in die Schatten der vielen Gotteshäuser ducken, die Toledo beherbergt. Multireligiös, im wahrsten Sinne. Von Kathedralen über Synagogen bis hin zu Kirchen und Moscheen - viele Glaubensrichtungen sind hier vertreten. Toledo war auch früher schon beliebt. Auf einem Berg gelegen, geschützt durch hohe Mauern und einen riesigen Graben, den ein Fluss füllt. Jede Religion, die gerade das Zepter in der Hand hatte, verfolgte die anderen Ansässigen und vertrieb diese aus der Stadt. Da waren sie allesamt nicht gerade zimperlich.

15.03.2013

Was das Glück für uns bereithält - Ein Erfahrungsaustausch zweier Generationen

Von Stefan.

62 Jahre jung und vom Leben gezeichnet. Freude, Liebe und Erfahrungen haben sein Gesicht mit friedlichen Falten geprägt. Aber auch Leid, Trauer und Sorgen. Dennoch werten seine blauen Augen und das dichte weiße Haar sein Erscheinungsbild zu einer herzergreifenden Person auf. Das ist Torsten. Zwei Wochen lang habe ich ihn jeden Abend getroffen, als ich mit Freunden auf Korsika den GR-20 gemeistert habe. Das Schicksal wollte es so, dass sich unsere Wege kreuzten. Er ist einer dieser Menschen, die man nicht vergessen wird. Einer dieser Menschen, die eine Reisebekanntschaft waren, aber immer im Gedächtnis bleiben. Von ihm habe ich eine Antwort auf meine ewige Frage erhalten, was Glück im Leben einer orientierungslosen Seele bedeutet.
„Nach meinem Studium wusste ich nicht, wohin es gehen sollte“, begann er seine Geschichte. „Es war eine Zeit des Umschwungs. Keiner war sich seiner Sache sicher oder hatte eine Garantie, dass die Zukunft das bereit hielt, was sie einem gegenwärtig versprach.“ Das kam mir bekannt vor. „Es gab eigentlich nur einen Weg für meine zahlreichen unbeantworteten Fragen. Ich musste raus aus Deutschland. Raus aus Europa und die Dinge tun, die ich normalerweise nicht tun würde, um mein täglich Brot zu verdienen. Ich musste meinen Rucksack packen und in die Welt hinaus.“ Rede weiter! „Also ging ich nach Amerika. Damals wurde mir gesagt, dass ich ohne Green Card keine Arbeit finden würde. Ich gab mich als Tourist aus, der lediglich ein paar Städte besuchen möchte und habe die nächste Mitfahrgelegenheit Richtung Midwest genommen. Dort fand ich die Menschen, die ich erwartet habe. Farmer, die mir ohne Green Card für meine Arbeit Essen, Unterkunft und ein paar Dollar gegeben haben.“

05.03.2013

Dem Yeti auf der Spur: Schneeschuhwanderung auf den Bergen Tirols

„Servus, ich bin Oli. Ich such den Bacher Peter.“, sage ich in meinem besten Österreichisch.

Auf Schneeschuhen zu Berge. Die Grüblspitze und das gute Wetter auf der Eggalm rufen nach mir.
Ich werde etwas ungläubig angesehen. War doch nicht alles korrekt? Artikel, Nachname, Vorname. Schon tausend Mal gemacht. Endlich kommt Peter um die Ecke und erlöst mich. Kennt ihr diese sonnen- und windgegerbten Gesichter, wie bei Seemännern oder Bergbauern? Peter ist so ein Gesicht. Mit ihm möchte ich eine Schneeschuhwanderung zur Grüblspitze machen, oben auf der Eggalm. Falls das Wetter mitspielt, meint er. Ich sehe blauen Himmel, Sonne und vereinzelte Schäfchenwolken.
„Peter, da wo ich gerade herkomme, da herrschen Arschkälte und Regen. Und hier steh ich jetzt im T-Shirt.“
Doch Peter hat etwas Angst vorm Chinook, einem warmen Föhnwind aus dem Süden der Alpen. Er befürchtet, dass dieser die Chance auf einen Wahnsinnssonnenuntergang vermiest. Das könnte unseren Ausflug frühzeitig beenden. Ich hingegen habe etwas Angst vor den Lawinen. Die könnten mein Leben frühzeitig beenden. Aber ich sollte mich nicht mit solchen Lappalien aufhalten. Schließlich will ich zum Abschluss meiner Tour ein einzigartiges Bergpanorama genießen, dessen Steilwände von der untergehenden Sonne orangerot eingefärbt werden.

23.02.2013

Das Leid und die Gunst eines Winterurlaubs

Text und Foto: Stefan.

Ich kaufe den Skipass; ich könnte heulen.
Ich erhalte die Rechnung vom Mittagessen; ich könnte heulen.
Ich erhalte die Rechnung vom Après-Ski Schnaps; ich könnte heulen.
Ich sehe die Kosten der Geschenke für Freunde; ich könnte heulen.
Ich erhalte die Rechnung des Abendessens; ich könnte heulen.
Ich erhalte die Rechnung des Hotels; mein Geld reicht nicht aus.
Ich sehe meinen Kontostand und frage mich, was zur Hölle ich hier eigentlich mache?

Winterurlaube sind die kostenintensivsten Tage im Jahr. Dennoch wurde es für mich zur Routine, dass im November und Dezember alles auf Sparflamme gestellt wird, um für den Januar genug Geld beiseite legen zu können. Obwohl ich nur ein einfaches Azubigehalt verdiene, was das Sparen eher zum Leistungssport macht, habe ich gelernt damit umzugehen. Die Dürreperiode am Jahresende wird mit einem erhabenen Glücksgefühl belohnt, wenn ich mit meinem Board auf den Bergen stehe und für die Abfahrt bereit bin.
Woher dieses Gefühl kommt? Beim Snowboarden oder Skifahren stellen wir uns echten Herausforderungen. Ernsthafte Risiken eingehen. Ängste überwinden. Den Alltag komplett abschalten müssen, um uns auf diese eine Sache zu konzentrieren: unverletzt diese Abfahrt, diesen Berg meistern.
Die Herausforderungen im Leben bestehen nicht darin, unseren Vorgesetzten die besten Ergebnisse zu liefern oder die nächste Gehaltsstufe zu erreichen. Die größten Herausforderungen bestehen darin, uns selbst davon zu überzeugen, Großes zu leisten.