28.11.2014

Die Schwarze H'mông, der Wasserbüffel und ich



von Oli.

Zu spät.
Dicke graugelbe Rauchschwaden umgeben mich wie ein zu enger Mantel und pressen mir die Luft aus dem Brustkorb. Mein Magen verkrampft sich. Ich gehe geduckt, doch das Tuch vor meinem Gesicht hilft nicht gegen meinen Hustenanfall und die brennenden Augen. Weder vor noch hinter mir ist etwas zu erkennen, was auch nur entfernt einem Ausweg ähnelt. Ich nehme meine letzten Atemluftreserven zusammen, für Worte, die hoffentlich nicht meine letzten sein werden.
„Cho Cho! Sterben wir jetzt in der Feuersbrunst? Soll das wirklich das Ende sein?“
Eine kleine Frau mit einer noch kleineren Hand erscheint vor mir, tief in ihre Tracht gewickelt. Sie macht zwei schnelle Schritte, packt mich am Arm und zieht mich weiter bis wir dem Rauch entkommen und wieder Luft schnappen können.
„Nein, heute sterben wir nicht. Es gibt Wasserbüffel zum Abendessen und ich hab das ganze Fleisch schon bezahlt.“

27.10.2014

Mondsüchtig: Weiße Nächte in Riga



von Oli.

Der Mond steht bereits schneeweiß in seinem samtblauen Bett, als ich das kleine Nachbarschaftsfest im Kalnciema Viertel verlasse. Es ist fast Mittsommernacht. Die Folkbands spielen ihre letzten Songs, die letzten Hirschfleischsandwiches und Honigwaffeln wechseln die Besitzer und das letzte Fass Craft Beer wird angestochen.

Ich nehme nicht den Bus zurück, denn ich habe Zeit. Mein Weg führt mich über die lange Vanšu-Brücke, die mir einen Spaziergang über den Fluss bis hinüber zur Altstadt ermöglicht. Die Düna ist unruhig zu dieser späten Stunde und die weiße Laterne am Firmament gießt ihr Licht in die Wellen des Flusses. Ich möchte mich abwenden und in den schmalen Gassen verschwinden, doch das glitzernde Wasser zieht mich magisch an. Ein Tauziehen gegen tausend Matrosen. Ich bleibe am Flussufer.

12.10.2014

Im Rausch des Übermuts: Canyoning im Chassezac



Ein Gastbeitrag von Steven Hille.

Ich traue meinen Augen nicht. Was tue ich hier? Was ist bloß mit meiner Vernunft geschehen? Ich sitze auf einem Felsen im Canyon des Chassezac in der Lozère in Frankreich. Auf meinen Rücken prescht das kalte Nass mit einem Druck von mehr als 640 Liter pro Sekunde. Ich bin kurz davor zu springen. Alle erdenklichen Ängste schießen mir durch den Kopf.

27.09.2014

Das echte Korea sitzt nackt im Badehaus



von Oli.

„Jetzt bin ich aber mal gespannt, wie klein die asiatischen Penisse wirklich sind!“
„Du bist gespannt?“, entgegne ich verblüfft.
René reist seit einer Woche mit mir durch Südkorea und ist gerne direkt, was ich normalerweise als sehr angenehm empfinde. Jetzt sind wir jedoch gerade dabei, unsere Schuhe auszuziehen, um das „Magic 24 Spa“ zu betreten und danach in einer strikt geschlechtsgetrennten Saunalandschaft zwischen nackten Koreanern zu schwitzen. Und das ganze heißt auch noch Jimjilbang, mit bang am Ende.
„Na klar, du etwa nicht?“, sagt er.
Ich lasse seine Frage im Warteraum stehen.

14.09.2014

Im Sandmeer des Dschingis Khan



von Oli.

Ich mag unseren namenlosen Fahrer.
Er ist freundlich, jung und motiviert und er mag mongolischen R’n’B. Das allein wären schon drei gute Gründe, mein Leben in seine Hände zu legen und ihm während der nächsten Tage in der Wüste blind zu vertrauen. Dann das Totschlagargument: Er hat einen Toyota Jeep mit gefälschten Louis Vuitton Sitzbezügen.
Was ich nicht mag ist, dass er unsere Route in die Gobi noch nie zuvor gefahren ist. Und sein dunkelblaues Basecap, auf dem in goldenen Lettern „World War II Veteran“ geschrieben steht. Das nehme ich ihm nicht sonderlich übel, denn er spricht kein Wort Englisch, nicht einmal „okay“ versteht er. Er ist ein guter Kerl, sehr höflich. Manchmal fährt er sogar so, dass wir nicht mit unseren Köpfen an die Decke des Jeeps stoßen. Es ist wichtig, in der Wüste eine Vertrauensperson zu haben. Das ist mir leider erst aufgefallen, als er vierundzwanzig Autostunden von jeglicher Zivilisation entfernt plötzlich anhält und aus dem Wagen springt.

17.08.2014

Dann lasst uns tanzen



von Oli.

„Alors on danse!“
Der Mann am Mikrofon wiederholt es immer wieder, bis ich es auch sage. Bis ich es rufe, schreie. So wie alle anderen EXIT Festivalbesucher um mich herum. Wir feiern uns selbst, feiern das Leben. Wir feiern mit Serben, Briten, Schweden und Rumänen. Bis jemand den Halt verliert und im Schlamm zu unseren Füßen landet. Bierduschen sind die Folge. Mir reichen zwei Plastikbecher voll Gerstensaft, die Musik soll ihr Übriges tun.
„Oli, Alter! Wir sind in Serbien!“
Und damit beginnt es.

10.08.2014

Flüche, Schweiß und platte Reifen



von Oli.

Drei platte Reifen.
Eine gerissene Kette.
Eine gerissene Bremsleitung.
Ein geprellter Unterarm, ein geprellter Oberschenkel.
Acht Mal Muskelkater, Sonnenbrand und schmerzende Hintern.
Acht zufriedene Gesichter.

Drei Tage Mountainbiken im Herz der Alpen haben mir und meinen Mitfahrern einiges abverlangt. Es war hart, es war kräftezehrend, es war saugeil. Wir konnten die ersten drei Etappen der neuen Bikeroute Bikeschaukel Tirol entdecken, was unsere internationale Truppe zusammengeschweißt hat. Auch die Ausblicke auf die vielfältige Bergwelt werden wir so schnell nicht wieder vergessen. Aus dem Tagebuch eines Bikers: